Jedes Jahr, wenn Weihnachten näher rückt, beginnt bei den Eltern das Grübeln.
„Ist es nicht eine Lüge, dem Kind zu sagen, der Weihnachtsmann hätte die Geschenke gebracht? Wird es sich nicht verraten fühlen, wenn es die Wahrheit erfährt?"
Heute möchte ich eine etwas andere Perspektive auf diese altbekannte Debatte anbieten. Der Weihnachtsmann ist kein bloßer „Schwindel", sondern das schönste „kulturelle Versprechen" und die schönste „kollektive Erzählung", die die Menschheit geschaffen hat, um den Zauber der Kindheit zu bewahren.

1. Der Beginn einer Legende: Wie die Güte eines Menschen zum „geistigen Erbe" wurde
Der Ursprung des Weihnachtsmanns reicht bis ins 4. Jahrhundert zurück — zum Bischof Nikolaus von Myra in der heutigen Türkei. Er war eine reale Person, die Nacht für Nacht heimlich Geschenke für arme Kinder hinterließ.
Nach seinem Tod verschwand die Liebe, die er den Kindern entgegenbrachte, nicht. Sie lebte in der Kultur der Menschen weiter — als eine Art „kollektives Gedächtnis" und als „guter Wille der Menschheit". Der Weg vom niederländischen „Sinterklaas" bis zur Spielzeugfabrik am Nordpol und dem Rentier Rudolph — diese modernen Mythen sind das Ergebnis eines gewaltigen kulturellen Projekts, das die Menschheit über Jahrhunderte gemeinsam geschrieben hat, um den Wert des „Teilens" zu bewahren.
Natürlich handelt es sich dabei um eine Tradition der westlichen Kultur, die mit der Weihnachtsfeier verbunden ist. Überall auf der Welt gibt es vielfältige Winterfeste und Geschenktraditionen, und der Weihnachtsmann ist nur eine von vielen kulturellen Ausdrucksformen.
2. Eltern sind die „offiziellen Stellvertreter" des Weihnachtsmanns
Hier kommt der entscheidende „Gesellschaftsvertrag" ins Spiel. Der Weihnachtsmann als symbolische Figur existiert nicht physisch und kann nicht persönlich jedem Kind auf der Welt Geschenke bringen. Deshalb haben die Gemeinschaften, die diese Kultur teilen, eine stillschweigende Vereinbarung getroffen.
Jedes Elternteil wird zum „kulturellen Stellvertreter", der den Geist des Weihnachtsmanns weitergibt.
Das bedeutet: Das Geschenk, das ein Kind am Weihnachtsmorgen findet, ist nicht das Ergebnis einer elterlichen Täuschung. Gemäß dem kulturellen Vertrag zwischen dem „Geist der Großzügigkeit", den der Weihnachtsmann verkörpert, und den Eltern wird dieser Wert durch ihre Hände weitergereicht. Das ist kein Betrug, sondern eine kulturelle Rolle — die Erfüllung einer gemeinschaftlichen Tradition.
3. Antwort auf die Frage: „Aber ist das nicht trotzdem eine Lüge?"
An dieser Stelle erheben viele Einwände: „So gut die Absichten auch sein mögen — etwas Unwahres als wahr darzustellen, ist doch letztlich eine Lüge, oder nicht?"
Ein berechtigter Einwand. Doch denken Sie an die vielen kulturellen Handlungen, die wir tagtäglich vollziehen. Die Kerzen auf der Geburtstagstorte ausblasen und sich etwas wünschen. In den Bergen „Juchhe!" rufen. Dem Kind eine Geschichte vorlesen, die mit „Es war einmal…" beginnt. Streng genommen ist nichts davon „wahr", und dennoch nennen wir es nicht Lüge. Wir nennen es kulturelle Symbole.
Beim Weihnachtsmann verhält es sich genauso. Er ist kein Trick, der dem Kind schaden soll, sondern ein kulturelles Werkzeug, um Werte wie „Großzügigkeit", „Vorfreude" und „Staunen" zu vermitteln. Entscheidend ist, dem Kind zu helfen, diesen Zusammenhang richtig zu verstehen, wenn es älter wird.
4. Die wahre Botschaft des Weihnachtsmanns: bedingungslose Liebe
Hier gibt es einen wichtigen Punkt, den wir unbedingt ansprechen müssen. Traditionell enthielt die Weihnachtsmanngeschichte eine bedingte Botschaft: „Nur brave Kinder bekommen Geschenke." Doch genau das ist die größte Schwachstelle der Weihnachtsmanntradition.
Denn in der Realität hängt die Größe der Geschenke nicht davon ab, wie brav ein Kind war, sondern von der finanziellen Lage der Eltern. Ein Kind aus einer armen Familie, das ein kleines Geschenk erhält, denken zu lassen: „Der Weihnachtsmann hat mir weniger gebracht, weil ich ungezogen war" — das ist grausam.
Darüber hinaus lehrt die Botschaft „Du musst brav sein, um geliebt zu werden" Kinder ein Muster bedingter Liebe. Doch wahre Liebe kennt keine Bedingungen.
Deshalb müssen wir die Geschichte des Weihnachtsmanns neu schreiben.
Der Weihnachtsmann beschenkt jedes Kind. Weil jedes Kind es verdient, geliebt zu werden — einfach weil es da ist.
Das Geschenk des Weihnachtsmanns sollte keine Belohnung sein, sondern ein Segen. „Ich schenke dir das nicht, weil du brav warst, sondern weil du existierst." Das ist die Botschaft, die der Weihnachtsmann wirklich überbringen sollte.
5. Wie man auf die Frage antwortet: „Gibt es den Weihnachtsmann wirklich?"
Wenn das Kind heranwächst und nach der Wahrheit fragt, müssen wir nicht verlegen sagen: „Den Weihnachtsmann gibt es eigentlich nicht." Stattdessen können wir ihm von diesem „kulturellen Versprechen" erzählen.
„Der heilige Nikolaus hat vor langer Zeit gelebt und ist längst gestorben, aber seine Liebe zu den Kindern ist in Geschichten geblieben und lebt bei uns weiter. Und Mamas und Papas auf der ganzen Welt haben versprochen, diese Liebe an seiner Stelle weiterzugeben. Das Geschenk, das du bekommen hast, ist der Beweis, dass unsere Familie an dieser Tradition teilnimmt, und unsere Botschaft an dich: Du wirst bedingungslos geliebt."
Mit dieser Erklärung empfindet das Kind statt der Enttäuschung, betrogen worden zu sein, das Gefühl: „Jetzt bin auch ich in die Welt der Erwachsenen eingeladen, die dieses wunderbare kulturelle Geheimnis hüten."
6. Fazit: Erwachsenwerden bedeutet, selbst zum Liebenden zu werden
Letztlich lehrt uns die Erzählung vom Weihnachtsmann eine wichtige Wahrheit. Die Welt wird nicht nur von sichtbaren Dingen bewegt — sie wird getragen von unsichtbarem Wohlwollen und bedingungsloser Liebe.
Das Kind, das die Wahrheit über den Weihnachtsmann erfährt, wächst vom „Beschenkten" zum „Überbringer der Liebe" heran — zu jemandem, der anderen bedingungslose Freude schenkt. Und eines Tages, wenn es selbst Elternteil geworden ist, kann es dieselbe Entscheidung treffen oder einen anderen Weg wählen. Wichtig ist nur, dass diese Entscheidung aus bedingungsloser Liebe entspringt.
Erlauben Sie mir, allen Eltern ein kleines Wort des Trostes zu sagen.
Allein die Tatsache, dass Sie Geschenke für Ihr Kind aussuchen und einpacken, voller Vorfreude im Herzen, beweist bereits: Der gütige Geist des heiligen Nikolaus lebt in Ihnen. Sie sind bereits ein wunderbarer Weihnachtsmann.
Wenn Sie dieses Weihnachten ein Geschenk neben das Kopfkissen Ihres Kindes legen, sagen Sie sich:
„In diesem Moment übermittle ich das schönste Versprechen der Menschheit. Das Versprechen, dass du bedingungslos geliebt wirst."