Haben Sie jemals in die Augen Ihres Hundes geschaut, wenn er Sie ansieht?

In diesen klaren Augen steckt etwas Seltsames. Etwas, das man bei einem wilden Wolf niemals finden würde — ein Vertrauen, das nur bei Hunden existiert. Wissenschaftler nennen es den „menschenorientierten Blick", doch wir nennen es einfach Liebe.

Aber ist diese Liebe wirklich nur ein Gefühl?

Vor 30.000 Jahren: Die Begegnung von Mensch und Wolf am Lagerfeuer


1. Was am Lagerfeuer geschah

Reisen wir 30.000 Jahre in die Vergangenheit. Nein, genau genommen weiß niemand, wann es war. Vielleicht vor 15.000 Jahren, vielleicht vor 40.000.

Entscheidend ist, dass in jener Nacht etwas begann.

Ein Wolf streifte um das Lagerfeuer der Menschen. Er war hungrig. Von den weggeworfenen Knochen der Menschen stieg der Geruch von Fleisch auf. Doch wer sich näherte, dem flogen Steine entgegen.

Doch eines Tages war einer anders.

Er kam nicht näher, lief aber auch nicht davon — er hielt Abstand. Er fraß die Knochen, die die Menschen ihm zuwarfen. Als die Nacht hereinbrach, knurrte er in die Dunkelheit. Ein Signal: Etwas näherte sich. Die Menschen griffen zu ihren Speeren. Das Raubtier floh.

Am nächsten Morgen kam der Wolf wieder.

War das ein Vertrag? Oder nur ein Zufall?


2. Was zehntausend Winter eingeschrieben haben

Ein einzelner Tausch ist Zufall. Doch wenn er sich zehntausendmal wiederholt, wird daraus ein Muster.

Die ältesten Hundeknochen, die Archäologen gefunden haben, sind 15.000 Jahre alt. Sie waren gemeinsam mit einem Menschen begraben. Der Hund trug ein Halsband.

Was war in der Zwischenzeit geschehen?

Genetiker analysierten die DNA von Hunden. Und sie entdeckten Genmutationen, die es bei Wölfen nicht gibt.

Eine Veränderung der Oxytocinrezeptoren.

Dieses Hormon wird beim Menschen ausgeschüttet, wenn er ein Baby betrachtet oder einen geliebten Menschen ansieht. Bei Hunden wird es ausgeschüttet, wenn sie einen Menschen ansehen. Bei Wölfen geschieht das nicht.

Über 15.000, vielleicht 30.000 Jahre hinweg hat eine bestimmte Selektion stattgefunden.


3. Das Gesetz der Auswahl

Stellen Sie sich vor:

Manche Wölfe griffen den Menschen an. Sie starben. Manche Wölfe flohen. Sie verhungerten. Manche Wölfe kamen näher, ignorierten aber die Signale. Sie wurden vertrieben.

Nur jene Wölfe, die die Augen der Menschen lesen konnten, die Abstand hielten und auf Signale reagierten — nur sie überlebten in der Wärme des Feuers.

Ihre Nachkommen erbten dieselben Eigenschaften. Mit jeder Generation verstärkten sich die „menschenfreundlichen" Merkmale.

Die Wissenschaft nennt dies künstliche Selektion (artificial selection).

Doch haben wirklich nur die Menschen ausgewählt?

Auch die Wölfe haben gewählt. Sie erkannten: „Wenn ich mit diesem seltsamen Zweibeiner zusammenlebe, bekomme ich mehr Futter, mehr Wärme und lebe länger."

Beide Seiten haben gewählt. Einander.


4. Ist das also Liebe?

Im Jahr 2015 führten japanische Wissenschaftler ein Experiment durch.

Hunde und ihre Besitzer schauten einander in die Augen. Danach wurde ihnen Blut abgenommen.

Das Ergebnis war erstaunlich.

Bei Hunden und Menschen stieg der Oxytocinspiegel sprunghaft an.

Auf dasselbe Niveau wie bei einer Mutter, die ihr Baby in den Armen hält.

Im Moment des Blickkontakts wird bei Mensch und Hund das Hormon der Liebe ausgeschüttet

Doch als man denselben Versuch mit Wölfen machte? Keine Veränderung.

Dann die Frage:

Das, was Ihr Hund empfindet, wenn er Sie ansieht, und das, was Sie empfinden, wenn Sie Ihren Hund ansehen…

Ist das nur eine chemische Reaktion, von Genen erzeugt?

Oder ist es ein echtes Gefühl, geformt über 15.000 Jahre?

Oder vielleicht beides?


5. Was wir daraus lernen können

Was die Geschichte von Mensch und Hund so besonders macht, ist die Tatsache, dass es sich um den einzigen Fall gegenseitiger Evolution über die Grenzen der Arten hinweg handelt.

Wir haben Rinder domestiziert. Aber Rinder lieben uns nicht. Wir haben Katzen aufgenommen. Aber Katzen können jederzeit gehen.

Nur der Hund hat sich gemeinsam mit uns verändert.

Die Form ihres Schädels hat sich gewandelt. (Kürzer und runder.) Ihre Ohren wurden hängend. (Ein Zeichen verringerter Aggressivität.) Ihre Augen lernten, uns anzusehen.

Auch wir haben uns verändert.

Menschen, die einen Hund halten, haben niedrigeren Blutdruck. Einsamkeit nimmt ab. Sie leben länger.

Wir haben einander am Leben gehalten.


6. Ist das also ein Versprechen?

Ich weiß es nicht.

Aber eines weiß ich.

Dass etwas, das vor 30.000 Jahren in jener kalten Nacht am Lagerfeuer begann, noch heute andauert.

Ob es ein Vertrag war, eine Symbiose, Liebe oder etwas, wofür wir noch keinen Namen gefunden haben…

Wenn Ihr Hund Sie ansieht, blicken Sie in 15.000 Jahre Vertrauen.

In diesem Blick liegt die Gewissheit: „Ich weiß, dass du mich nicht verlassen wirst."

Und auch Sie wissen: Wenn Sie gehen, wird dieser Hund warten.

Streicheln Sie heute Abend Ihren Hund.

Der Herzschlag, den Sie unter dem warmen Fell spüren, ist der Beweis für etwas, das zehntausend Winter überdauert hat.

Wie würden Sie es nennen?


Dieser Text entstand als Neuinterpretation eines Videos des YouTube-Kanals „Reise durch die Zeit".